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Archiv für Januar, 2009

Interview mit Regisseur Volker Schlöndorff

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Volker Schlöndorff mit der rheinland-pfälzischen Kultusministerin Doris Ahnen - Foto: Dieter J. Maier

Der deutsche Regisseur und Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff wurde am 20.Januar im Mainzer Staatstheater von Ministerpräsident Kurt Beck mit der Carl-Zuckmeyer-Medaille ausgezeichnet. Im Anschluss sprach Volker Schlöndorff mit Saar Report u.a. über seine Regiearbeit in der internationalen Filmbranche und über den Deutschen Herbst 1977.

Dieter J. Maier:

Herr Schlöndorff, Sie sind einer der wichtigsten deutschen Regisseure von internationalem Ruf. Sie bezeichnen in Ihrer Autobiographie „Licht, Schatten und Bewegung“ Ihre Regiearbeit als „Handwerk“. Können Sie dies genauer definieren?

Volker Schlöndorff:

Regiearbeit steht für mich für verantwortliches Leiten und Managen in der Filmbranche. Hierbei muss man beachten, dass bei Film und Fernsehen der Technik größere Bedeutung zugemessen wird als beispielsweise beim Theater. Regie bedeutet aber auch, die verantwortungsvolle, künstlerische Leitung durch den Regisseur in der darstellenden Kunst. Ich habe in meiner langen Regiearbeit immer versucht sehr profesionell zu arbeiten. Für mich war die Grundvoraussetzung für gute Filme stets die richtige Mischung aus Anspruch und Spannung in die filmische Umsetzung der Geschichte. Ein professioneller Regisseur sollte nicht nur den Umgang mit der Kamera, sondern auch mit den Schauspielern beherrschen. Dies ist eine absolute Grundvoraussetzung um anspruchsvolle Filme zu machen, alles andere wäre für mich dilettantisch und völlig unzureichend.

Dieter J. Maier:

Ihnen hat heute Ministerpräsident Kurt Beck die Carl-Zuckmeyer-Medaille verliehen. In welcher Form hat das Werk von Carl Zuckmeyr Sie persönlich beeindruckt?

Volker Schlöndorff:

Carl Zuckmeyer hat mich immer mit seiner bescheidenen Art und seinen hervorragenden schriftstellerischen Fähigkeiten sehr beeindruckt. Zuckmeyer hat sich sein Leben lang, genauso wie ich, zu seiner rheinischen Heimat bekannt ohne dabei pathetisch oder gar theatralisch zu wirken und behielt dabei stets ein gesundes Maß an Selbstironie bei. Als Hitler 1933 an die Macht kam, stand Carl Zuckmeyer bei den Nazis auf der schwarzen Liste und konnte nur mit einem Handkoffer voller Manuskripte Deutschland verlassen. Damit begann für ihn ein Jahrzehnt der Austreibung und Heimatlosigkeit: eine politische Odysee, die ihn vorübergehend sogar bis in die USA verschlug. Sein Leben ist somit weit mehr als ein Zeugnis harten persönlichen Schicksals. In ihm spiegelt sich fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte mit allen Höhen und Tiefen und das macht das Leben und Werk von Zuckmeyer für mich so einzigartig und lebendig.

Dieter J. Maier:

Sie haben sich in Ihren Filmen wie „Die Blechtrommel“ oder „Der neunte Tag“ auch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands auseinandergesetzt. Ihr Film „Der neunte Tag“ basiert auf einer wahren Geschichte. Wie wichtig ist Ihnen dieser Film und wie ist er entstanden?

Volker Schlöndorff:

Dieser Film ist mir sowohl von der Umsetzung als auch vom geschichtlichen Aspekt her sehr wichtig. Anders als bei Carl Zuckmeyer in „Des Teufels General“ spielt hier ein katholischer Priester, der von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt wird, die Hauptrolle. Die Geschichte basiert auf den Tagebuchaufzeichnungen des Pfarrers Jean Bernard, der von 1941 bis 1942 im Konzentrationslager Dachau interniert war. Nicht nur Juden, sondern auch etwa 2800 Geistliche aus ganz Europa, wurden damals im KZ Dachau auf grausamste Weise gefangen gehalten, gefoltert und getötet. Der in meinem Film durch die Figur des Henri Krämer dargestellte Priester bekommt von den Nazis 9 Tage Schonfrist vom KZ um eine schwierige Entscheidung zu treffen Er soll seinen Bischof zur vollständigen Kooperation der Kirche im Dienste der Nationalsozialisten überreden, andernfalls droht ihm bei der Rückkehr ins KZ der Tod. Wie schon in meinem Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist dieses Thema im Grund der Kampf zwischen Gut und Böse mit all seinen Verlockungen und ich habe versucht, diesen Kampf so eindringlich und wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen .

Dieter J. Maier:

Ihr Kollege Bernd Eichinger erhielt vor kurzem eine Oscar-Nominierung für seinen Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Wie haben Sie damals den „Deutschen Herbst“ 1977 erlebt und spielt diese Zeit heute in Ihrem Leben noch eine Rolle?


Volker Schlöndorff:

Diese Zeit spielt für mich emotional in meinem Leben keine große Rolle mehr. Vor über dreißig Jahren herrschte hier in Deutschland noch große Angst vor Terroranschlägen und wir wussten oft nicht, wie wie wir uns verhalten sollten. Eine actionreiche, filmische Umsetzung dieses Stoffes hätte ich persönlich nicht machen wollen, weil mir u.a. die Menschen, die in dieser Zeit zu Opfern wurden, zu wichtig sind. Es war eine Zeit, die unsere Gesellschaft bildlich gesprochen quasi in Stücke gerissen hat, es war aber auch eine Entwickung, die von vielen politischen und gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst wurde und es bis heute verdient ernst genommen zu werden.

Dieter J. Maier:

Herr Schlöndorff , vielen Dank für das Gespräch.

Interview mit Walter Sittler

In einem „stillen“ Meisterwerk von Erich Kästner über die Kraft des Erinnerns begeisterte Schauspieler Walter Sittler im Staatstheater Saarbrücken sein saarländisches Publikum.
In einem exklusiven Interview äußerte sich Walter Sittler nach der Vorstellung gegenüber Saar Report über seine eigene Spurensuche in die Vergangenheit, sein politisches Engagement und seine persönliche Beziehung zu Erich Kästner.

Dieter J. Maier:

Herr Sittler, Sie sind heute Abend in die grandiose Solo-Rolle der Figur des Ich-Erzählers Erich Kästner geschlüpft, der sich in seiner autobiographischen Erzählung „Als ich ein kleiner Junge war“ sehr intensiv mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Sie haben sich selbst in einer Fernseh-Dokumentation auf die Spuren Ihrer amerikanischen Vorfahren begeben. Wie kam es dazu?

Walter Sittler:

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Walter Sittler während seiner Autogrammstunde im Saarbrücker Staatstheater - Foto: Dieter J. Maier

Diese Fernsehproduktion kam auf Anfrage des ZDF, die mir und auch anderen Personen, die sich für ihre eigene Vergangenheit interessieren, die Möglichkeit gab, sich auf intensive Spurensuche in das Land ihrer Vorfahren zu begeben. Ich bin 1952 in Chigago, Illinois, geboren, kam 1958 mit meiner Familie nach Deutschland und kannte von daher nur das, was meine Eltern mir aus unserer Familie erzählten. Mich interessierte es aber immer schon, woher meine Vorfahren stammten und wie und wo sie gelebt haben. Zusammen mit Historikern und dem ZDF-Team fand ich in Amerika Dinge über meine Familie heraus, von denen ich zuvor nicht die geringste Ahnung hatte. Ich habe in Illinois nicht nur das Haus gefunden, in dem meine Vorfahren gelebt haben, sondern auch den Friedhof, auf dem ihre Gräber noch erhalten sind. Ich finde persönlich, dass man von seiner eigenen Vergangenheit ohnehin nicht weg kommt und es somit besser ist, wenn man sie kennt. Setzt man sich mit ihr auseinander, so kann man besser mit ihr umgehen und sich dieser auch stellen.

Dieter J. Maier:

Sie besitzen sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Amerikaner?

Walter Sittler:

Ich fühle mich eher als Deutscher, weil ich mein ganzes Leben in Deutschland verbracht habe und auch mit meiner Familie hier lebe. Mein Beruf als Schauspieler ist zwar international, ich übe ihn aber nur in Deutschland aus.

Dieter J. Maier:

Sie sind privat sehr politisch engagiert. Wie äußert sich dieses Engagement?

Walter Sittler:

Ich sage politisch was ich denke, auch auf die Gefahr hin, damit nicht immer der allgemeinen Zustimmung zu entsprechen. Ich bekomme öfter Einladungen zu Veranstaltungen und werde gebeten, Vorworte zu Büchern und Beiträge zu schreiben, was ich immer auch gerne tue. Meine Bekanntheit hilft mir stets, dass diese Beiträge auch gelesen werden.

Dieter J. Maier:

Erich Kästner, den Sie heute dargestellt haben, gilt allgemein als Moralist in der deutschen Literatur. Wie sehen Sie die literarische Bedeutung von Erich Kästner aus heutiger Sicht?

Walter Sittler:

Ich halte die Rolle des moralischen Gewissens, die man Erich Kästner heute zuschreibt, für unzureichend. Kästner gehörte zu denjenigen, die sagten: „Ohne Regeln geht es nicht, aber diese Regeln dürfen nicht zu eng sein und sie dürfen nicht unterdrücken“. Von daher ist die Bezeichnung Moralist für ihn falsch, weil er in keinem seiner Bücher extremistische Gedanken niedergeschrieben hat. Er sah die Menschen mit den vielen Facetten, die sie haben und hat nie mit dem erhobenen Zeigefinger gedroht, sondern immer betont, dass man freundlich und rücksichtsvoll miteinander umgehend sollte. Erich Kästner war stets ehrlich, humorvoll, witzig, geistreich, aber auch mitunter zynisch und das ist so überwältigend an ihm. Eine seiner Lebensmaxime war: „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ und er war nie ein Feigling, sein ganzes Leben lang . Er blieb in Deutschland während des zweiten Weltkriegs, was ihm nicht nur von den Nationalsozialisten übel genommen wurde. Andere Schriftsteller wie beispielsweise Tucholsky sind aufgrund ihres politischen Gewissens gegangen und haben sich teiweise später im Exil das Leben genommen. Kästner ist geblieben, weil er der Auffassung war, dass er Dinge nur ändern kann, wenn er bleibt und dies finde ich mehr als mutig. Was ich persönlich sehr bedauere ist, dass es bis heute keine kritische Gesamtausgabe seiner Werke gibt.

Dieter J. Maier:

Sie haben großen Respekt vor Erich Kästner. Ihre Rolle war also nicht zufällig ausgewählt…

Walter Sittler:

Nein, das war sie nicht. Ich habe das Buch, das mir mein Produzent zugesandt hat, gelesen und war sofort von der Rolle begeistert. Dass dieses Stück aber ein solcher Erfolg wird, hätte sich niemand von uns zu träumen gewagt. Es erzählt eine Geschichte, in die man sich fallen lassen kann und einfach nur zuhört. Was ich persönlich gemerkt habe ist, dass sich die Zuschauer im Laufe des Abends in Kinder verwandeln, die mit großen Augen und Ohren zuhören und ihrer eigenen Phantasie folgen.

Dieter J. Maier:

Sehen Sie Ihre Rolle als Schauspieler und Unterhalter oder eher als Moralist?

Walter Sittler:

Der Schauspieler kann gar kein Moralist sein, weil er immer andere Rollen spielt. Ich sehe meine Theater- und Filmrollen immer als Interpretation des jeweiligen Stücks, in dem die Zuschauer in ihrer Phantasie bewegt werden.

Dieter J. Maier:

Welche künstlerischen Projekte planen Sie für die nächste Zeit?

Walter Sitter:

Ich besuche zunächst die Berlinale und freue mich, wieder alte Bekannte und Freunde zu treffen. Dann werde ich in Gotland/Schweden zweimal die Titelrolle in der Fernsehproduktion „Der Kommissar und das Meer“ spielen und im Dezember diesen Jahres und im Januar 2010 gibt es erneut eine „Kästner-Tour“ durch Deutschland.

Dieter J. Maier:

Herr Sittler, vielen Dank für das Gespräch.