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Archiv für November, 2015

Staatsakt für Helmut Schmidt im Hamburger „Michel“

23. November 2015 Kommentare ausgeschaltet

Datei:Sankt-Michaelis-Kirche Hamburg.jpg

In einem emotionalen Staatsakt verabschiedete sich heute die deutsche und internationale politische Elite von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Der SPD-Politiker, Publizist und Sozialdemokrat war am 10. November im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Hamburg verstorben.

Rund 1800 geladene Trauergäste, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, SPD-Chef Sigmar Gabriel , mehrere Bundesminister, Frankreichs Ex-Präsident Valérie Giscard d’Estaing und der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, versammelten sich in der Hamburger St. Michaeliskirche zu einem Trauergottesdienst, um gemeinsam mit der Familie, Freunden, Verwandte und Weggefährten, dem Verstorbenen zu gedenken.

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundesratspräsident Stanislaw Tillich sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hatten ihr Kommen schon vor einigen Tagen bekannt gegeben. Bereits eine halbe Stunde vor den angekündigten Trauerreden war der Sarg des fünften deutschen Bundeskanzlers im Innenraum der Barockkirche, bedeckt von der schwarz-rot-goldenen Bundesflagge und einem großen Kranz aus Sonnenblumen aufgebahrt worden.

In seiner Trauerrede betonte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, Schmidts ehrliche Herzlichkeit und Heimatliebe zur Hansestadt Hamburg, und erinnerte dabei an die verschiedenen Lebensrollen Helmut Schmidts, als Staatsmann, publizierender Zeitzeuge, europäischer Mitgestalter und politisches Vorbild: „Er hat Spuren hinterlassen, die wir erst noch entdecken werden. Darum müssen wir sein humanistisches und politisches Erbe, nämlich die wirtschaftliche Kraft Europas sichern“.

Ebenso ist es kaum vorstellbar, künftig politische und gesellschaftliche Debatten ohne ihn führen zu müssen, da er diese res publica verkörpert. „Er ist von uns gegangen, aber vieles bleibt bei uns. Er hinterlässt ein Erbe, das wir annehmen wollen und in die Trauer mischt sich Dankbarkeit. Von ihm haben wir gelernt, was es heißt, in einer offenen Gesellschaft  seinen eigenen Standpunkt zu vertreten. Wir haben einen Giganten verloren.“ Danach verneigt sich Scholz vor dem Sarg.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte die Durchsetzungsstärke Helmut Schmidts, vor allem in politsch schwierigen Zeiten:  “ Helmut Schmidt hatte uns allen etwas zu sagen.  Er war eine Autorität, ein Vorbild an Gradlinigkeit, Mut und  Pflichtbewusstsein in seiner Haltung und dies machte zugleich auch seine Bodenständigkeit aus. So wird er in Erinnerung bleiben, auch über seinen Tod hinaus. Er war wirklich nicht immer einfach und freundlich im Umgang, aber er war stets bereit, selbst den höchsten Preis zu zahlen“, sagte die Kanzlerin über ihren Amtsvorgänger.

Merkel hob den Altkanzler als bedeutende politische  Instanz hervor und würdigte auch seine Beständigkeit gegen ideologische Verengungen: „Sein Denken bleibt in Erinnerung und die Spuren, die er hinterlässt, sind tief.“. Die Bundeskanzlerin beendete ihre Trauerrede mit den Worten: „Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit. Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen.“

Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger betonte Schmidts Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, und erklärte, dass Schmidt in seinem Leben immens nach Wissen gestrebt habe: „Mit seinen Freunden hat er eine dauerhafte Konversation betrieben, die Freundschaften waren geprägt von tiefer Zuneigung und gegenseitiger Achtung. Wer sich auf Helmut einließ, wurde in einen Orden rekrutiert, welcher die Suche nach der Wahrheit mit Demut verband.“ Ebenso erinnerte der US-Politikwissenschaftler an Schmidts großen politischen Intellekt: “ Helmut Schmidt war eine Art Weltgewissen- und er wird es bleiben: „Fordernd, launisch und perfektionistisch.“

Nach den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten folgte ein großes militärisches Ehrengeleit durch das Wachbataillon der Bundeswehr vor dem „Michel“, dem Wahrzeichen der Hansestadt. Anschließend wurde der Sarg in einer  Motorrad-Eskorte der Polizei zum Friedhof Ohlsdorf gefahren, wo Schmidt nach Feierlichkeiten in privatem Kreis eingeäschert wurde. Seine Urne soll morgen im engsten Familienkreis im Grab seiner Eltern, neben seiner Frau Loki beigesetzt werden. Mit der Trauer-Eskorte durch Hamburg wurde auch den Zehntausenden Hamburger Bürgern Gelegenheit gegeben, am Wegrand der Hansestadt von dem beliebten Politiker Abschied zu nehmen.
Quelle:
Dieter J. Maier-Berge
Foto:   Thomas Wolf www.foto-tw.de

 

 

Trauer um Altkanzler Helmut Schmidt

10. November 2015 Kommentare ausgeschaltet
 

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist heute nach Angaben seines Arztes gegen 14.30 Uhr in seinem Haus im Hamburger Stadtteil Langenhorn verstorben. Der Zustand des Altkanzlers hatte sich seit Sonntag „dramatisch zugespitzt“. Medienberichten zufolge war der 96-jährige in den letzten Stunden vor seinem Tod  nicht mehr ansprechbar und hatte hohes Fieber.

Das Hamburger Abendblatt berichtete bereits gestern von einer dramatischen Gesundheitsverschlechterung, obwohl sich Schmidt nach einer Beinoperation im September diesen Jahres noch gut erholt und mit dem Rauchen aufgehört hatte. Die Lage sei sogar so ernst, dass Tochter Susanne umgehend von Großbritannien nach Hamburg angereist kam. Sie habe laut Auskunft der Familie, gemeinsam mit Helmut Schmidts Partnerin Ruth Loah, sehr gefasst auf die Todesnachricht reagiert.

Schon kurz nach der Bekanntgabe seines Todes wurde auch in der breiten Öffentlichkeit die Lücke spürbar, die Helmut Schmidt hinterlassen hatte. Über alle Parteigrenzen hinweg trauerte die deutsche Politik um den Altkanzler und Weltbürger, der mit hanseatischem Zungenschlag und retorischen Seitenhieben schon früh von sich reden machte.

Der 1918 als Sohn eines Lehrerehepaares geborene Vollblutpolitiker fiel bereits wegen zu „flotter Sprüche“ in der Marine-Hitlerjugend auf, in die er nach der Machtergreifung Adolf Hitlers mit seinem Schülerruderverein eingegliedert worden war. Schmidt selbst machte in Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus teils widersprüchliche Angaben. Er behauptete stets, Gegner der Nationalsozialisten gewesen zu sein.

Im Laufe seiner politischen Lebens musste sich Helmut Schmidt immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass er während der Nazi-Diktatur mehr als nur ein Mitläufer gewesen sein soll. Erst Ende 2014 berichtete auch der „Spiegel“  unter Berufung einer neuen Studie der Journalistin Sabine Pamperrien, dass sich der Altkanzler während seines Wehrdienstes, in dem er als Offizier der 1. Panzer-Division an der Ostfront und anschließend als Referent für Ausbildungsvorschriften der leichten Flakartillerie im Reichsluftfahrtsministerium eingesetzt war, durch „einwandfreie nationalsozialistische Haltung“ ausgezeichnet habe.

Politisch geschadet hatten solche Vorwürfe der Karriere von Helmut Schmidt allerdings nicht. Bereits unmittelbar nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1945 schloss sich Schmidt der SPD an und war von 1968 bis 1984 stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei.

Als Senator in Hamburg erlangte er vor allem als Krisenmanager bei der Sturmflut 1962 an der deutschen Nordseeküste in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 große Popularität und hohes internationales Ansehen. Über alle bürokratische und rechtlichen Hürden hinweg, übernahm der Bundeswehr-Reservehauptmann Schmidt den bisher größten Katastropheneinsatz der Bundesrepublik und nutzte seine bestehende Kontakte zur Bundeswehr und der Nato, um mit Soldaten,Hubschraubern, Pioniergerät und Versorgungsgütern von Bundeswehr und Alliierten, den Opfern der Flutkatastrophe schnelle und umfassende Hilfe zukommen  zu lassen.

Danach galt Schmidt nicht nur bei seinen Landsleuten als lebende Verkörperung politischen Pflichtgefühls, der mit klaren Ansagen, großer Verantwortung, strategischem Geschick und politisch vorausblickend, weittragende Entscheidungen treffen und auch persönlich verantworten konnte. Der damalige stellvertretende SPD-Parteivorsitzende und spätere Bundeskanzler Willy Brandt erkannte schnell das herausragende Talent seines künftigen Rivalen und berief Schmidt nach der Bundestagswahl von 1969 als Bundesminister der Verteidigung, und ab 1972 als Bundesminister für Finanzen in die neue Bundesregierung.

Nach dem Rücktritt Willy Brandts als Regierungschef wählte der Bundestag Schmidt im Mai 1974 mit 267 Ja-Stimmen zum neuen Kanzler der Bundesrepublik. Innerhalb seiner Kanzlerschaft musste sich der studierte Diplomvolkswirt neben der Auseinandersetzung um den Nato-Doppelbeschluss unter anderem mit der weltweiten Ölkrise in den 70ziger Jahren auseinandersetzen, die auch für Deutschland gravierende gesamtwirtschaftliche Auswirkungen hatte.

Als größte Grenzerfahrungen seines Lebens bezeichnete Schmidt allerdings den sogenannten “ Deutschen Herbst“ 1977, der geprägt war durch die verheerenden Anschläge der terroristischen Vereinigung RAF. Vor allem die Entführung und spätere Ermordung des Abreitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer, sowie die Entführung des Lufthansa Flugzeugs Landshut stellten den damaligen Bundeskanzler vor große emotionale und politisch schwierige Entscheidungen, die er mit Sachverstand und persönlichen Mut zu meistern verstand. Der Deutsche Herbst gilt bis heute als eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik.

Durch ein konstruktives Misstrauensvotum verlor Helmut Schmidt fünf Jahre später seine Kanzlerschaft an den früheren Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl. Geistig und politisch blieb aber der fünfte Kanzler der Bundesrepublik auch noch mehr als 30 Jahre nach seinem Sturz, einer der meist geachteten Repräsentanten Deutschlands. Ab 1983 schrieb Helmut Schmidt als Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ zahlreiche Bücher und war für Vorträge viel auf Reisen.

Auch im hohen Alter war seine Meinung gefragt und geschätzt. Obwohl er sich selbst nie als Journalist sah, nahm der bekennende Kettenraucher in seinen Zeitungsartikeln immer wieder Stellung zu aktuell drängenden Fragen und mischte sich stets in großen politischen Debatten des Landes ein. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Schmidt eine Art politisches Gewissen, ein „Elder Statesman“, der durch den Qualm seiner Zigarette komplexe Zusammenhänge begreiflich zu machen verstand. Seine fundierten Wortmeldungen und Analysen fanden über die Parteigrenzen hinweg und auch vielfach im Ausland große Beachtung.

Kein anderer vermochte die problematischen Zusammenhänge der Weltwirtschaft, der europäischen Integration und der wirtschaftlichen Globalisierung mit gleicher Meisterschaft darzulegen. Wegen seiner Kenntnis globaler gesamtpolitischer Kohärenzen wurde der scharfsinnige Sozialdemokrat bei Gegnern und Freunden gleichermaßen geachtet und respektiert. Was von ihm bleiben wird, ist somit weit mehr als sein öffentliches Bild zwischen alternierender Milde und Herablassung, sondern der gelebte Mitaufbau der deutschen Demokratie, die ohne ihn nicht denkbar gewesen wäre.

Quelle: Dieter J. Maier-Berge

Foto: Kremlin.ru